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Die Anfänge – Urmenschen und Naturvölker

Die Anfänge: Urmenschen und Naturvölker

Früheste Belege und Zweck

Tätowierungen (oder Permanentmale, bei denen Pigmente in die Haut eingebracht werden) sind eine der ältesten bekannten menschlichen Körpermodifikationen. Archäologische Funde belegen, dass Menschen bereits in der Steinzeit Körpermalereien oder – in einigen Fällen – permanente Markierungen verwendet haben. Die ältesten erhaltenen Tattoo-Spuren auf menschlicher Haut stammen z. B.:

Ötzi, der Mann aus dem Eis: Der in den Alpen gefundene Eismumie etwa 5300 Jahre alt klingt nach etwa 3350–3100 v. Chr. Ötzi trägt ca. 61 kleine Tattoos (Linien, Kreuzformen) aus Kohlerückständen. Einige dieser Stellen sind an Gelenken oder Rückenpartien, wo er vermutlich Beschwerden hatte – daher wird diskutiert, ob manche Tätowierungen medizinische oder therapeutische Zwecke hatten.  

• Alte ägyptische Mumien: Mumien aus dem Zeitraum etwa 3350–3000 v. Chr. in Ägypten zeigen figürliche Tattoos (z. B. Stiere, Schafe) und einfache Linienmotive. Auch dort könnten die Tattoos soziale, religiöse oder kultische Funktionen gehabt haben.  

• Andere alte Kulturen weltweit haben Tätowierungen verwendet: Pazyryk-Kultur in Sibirien, Naturvölker in Polynesien, indigene Gruppen in Amerika, Inuit, Naturvölker im südostasiatischen Raum, etc.  

Funktionen und Bedeutungen

Je nach Kultur und Epoche hatten Tätowierungen vielfältige Bedeutungen:

Rituelle und spirituelle Zwecke: Initiationsriten, Verbindung zu Ahnen oder Göttern, Schutz vor bösen Geistern oder Krankheit.  

Status, Zugehörigkeit, Kriegs- oder Stammeszeichen: etwa markante Muster, die zeigen, zu welchem Stamm oder welcher Gruppe man gehört, oder ob jemand bestimmte Leistungen erbracht hat.  

Kosmetische und ästhetische Gründe: Schmuck, Schönheit, Selbstdarstellung. Auch hafteten Tätowierungen oft an Mythen oder Symbolik, die als schön oder mächtig galten.  

Medizinische Zwecke oder Körperpflege: Manche Tattoo-Linien bei Ötzi korrespondieren mit Druckpunkten oder Gelenken, was auf eine Art frühzeitliche Therapie hindeuten könnte.  

Entwicklung in historischen Gesellschaften und Naturvölkern

Polynesien, Austronesische Kulturen

Ein besonders eindrucksvolles Tattoo-Erbe findet sich bei den Völkern Polynesiens, auf den Pazifikinseln. Dort hatte Tätowierung (Tatau, tatau etc.) nicht nur ästhetischen, sondern starken sozialen und rituellen Charakter. Tattoos markierten etwa das Erreichen eines bestimmten Alters, sozialer Rang, Tapferkeit, Zugehörigkeit. Techniken wie das Einhämmern von Pigmenten mit Stöcken bzw. Schlägeln („Hand-Tapping“), Verwendung naturlicher Pigmente etc., waren verbreitet.  

Asien, Japan

In Japan entwickelte sich über Jahrhunderte die Praxis des Irezumi, bei der großflächige, kunstvoll gestaltete Tattoos häufig mythologische, Tiermotive etc. zeigen. Während in manchen Zeiten Tätowierungen geachtet wurden, pflegten sie in anderen Zeiten ein negatives Image, z. B. in der Meiji-Ära, als sie verboten wurden oder mit Randgruppen assoziiert waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Verbot gelockert.  

Nordamerika, Südamerika, indigene Völker

Viele indigene Völker hatten eigene Tattoo-Traditionen: Permanentmarkierungen im Gesicht, an Händen oder anderen Körperteilen, symbolische Tätowierungen, Rituale. Bei den Inuit z. B. wurden Tattoos als Zeichen des Übergangs (z. B. von Mädchen zu Frauen) verwendet.  

Zeitenwende: 19. & Frühes 20. Jahrhundert

Kontakt, Kolonialismus, Popularisierung in Europa und Amerika

Mit den Entdeckungsreisen, der Kolonialzeit, kam der intensive Kontakt mit Völkern mit ausgeprägter Tattoo-Kultur (z. B. Polynesien). Europäische Seeleute brachten Tätowierungen mit zurück – zunächst exotisch, als Andenken, später Teil einer Subkultur. Der Ausdruck „Tattoo“ stammt aus dem Tahitianischen „tatau“ und wurde durch solche Kontakte populär.  

Im 19. Jahrhundert wurden professionelle Tattoo-Studios gegründet, besonders in Häfen. Tattoo-Motive bei Seeleuten: Anker, Schiffe, Kompass, Herz, Rosen – Symbole, die für Reisen, Heimweh, Mut, Liebe etc. standen.  

Technische Innovationen

• Die Erfindung der elektrischen Tattoo-Maschine (spätes 19. Jahrhundert) → Tattooing wurde schneller, präziser und kommerzieller.  

• Entwicklung von Farben, Standardisierung von Motiven („Flash Art“) und Ausbreitung unter verschiedenen sozialen Schichten.  

Zwischenkriegszeit & Mitte des 20. Jahrhunderts

Trotz dieser Verbreitung blieb das Tätowieren oft mit gesellschaftlichen Randgruppen verbunden: Seeleute, Matrosen, Soldaten, Zirkusleute, Fahrende. Tattoos wurden häufig als provokativ, abweichend angesehen, mit einem Stigma behaftet.  

Von ca. 1920 bis zur Hippie-Bewegung (ca. 1960-1970)

Zwischeneingriffe in der Gesellschaft

• In den USA und Europa waren Tattoos zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch stark mit dem maritimen Bereich (Seefahrer), Soldaten, Zirkus/Varieté verbunden. Sie gehörten nicht zum Mainstream.  

• In manchen Ländern wurden Tattoo-Studios reguliert oder sogar verboten, z. B. aufgrund von Gesundheits­risiken.  

Die Rolle von Künstlerfiguren und Stilentwicklung

Einige der prägenden Tattoo-Künstler begannen, das Tattooing als Kunstform weiterzuentwickeln, etwa durch neue Stile, Einfluss asiatischer Kunst, Tribal Designs, sowie durch mehr Individualisierung. Beispiele:

Amund Dietzel (1891–1974) in den USA: ein früher Tätowierer, der viel Flash Art geschaffen hat, beeinflusste stark den „American Traditional“ Stil.  

Leo Zulueta (geb. 1952) gilt als Pionier des modernen Tribal-Tätowierens, einer Wiederbelebung und Umdeutung traditioneller Muster (insbesondere aus der indigenen Kunst Asiens / Ozeaniens) in den westlichen Tattoo-Kreisen seit den 1970er Jahren.  

Die Hippie-Bewegung und Gegenkultur (ab ca. 1960er Jahre)

Veränderungen in Wahrnehmung und Symbolik

Mit dem sozialen Wandel der 1960er und 1970er Jahre, der kulturellen Revolution, der Gegenkultur, der Hippie-Bewegung, dem Aufbegehren gegen Autoritäten, Krieg und gesellschaftliche Konventionen, begannen Tätowierungen zu einem Ausdruck von Individualität, Freiheit, Rebellion und Identifikation mit alternativen Lebensstilen zu werden.

• Friedenssymbole, Blumen („Flower Power“), Yin-Yang, psychedelische Motive etc. wurden häufig gewählt. Tätowierungen eigneten sich als sichtbare Mittel zur Selbstdarstellung und Zugehörigkeit.  

• Musikalische Szenen (Rock, Folk, Psychedelic Music) hatten Stars, die Tätowierungen öffentlich zeigten (z. B. Janis Joplin). Der Trend, Tattoos zu tragen, zog Kreise über die Randgruppen hinaus.  

Technologische und ästhetische Entwicklungen

• Mehr Tattoo-Studios, bessere hygienische Standards.

• Mehr Experimente mit Farben und größeren, komplexeren Motiven.

• Stilvielfalt nahm zu, Künstler begannen sich stärker zu differenzieren (z. B. Tribal, Neuinterpretationen traditioneller Motive).  

Von den 1970ern bis heute

„Tattoo Renaissance“

In den 1970er und 1980er Jahren spricht man oft von einer Tattoo Renaissance: Tätowierung wurde zunehmend als Kunstform erkannt, nicht nur als Tätigkeit der Ränder der Gesellschaft. Künstler tauschten Ideen, internationale Einflüsse nahmen zu (z. B. japanische „Tebori“ Methoden, Tribal revival, etc.).  

Stilvielfalt und Subkultur

Tribal Tattoos: Wie schon erwähnt, Leo Zulueta und andere prägten diesen Stil, der alte, oft indigene Motive mit modernen Linien verband.  

Black & grey Stil: Entstand in Gefängnissen (USA), mit einfachen Materialien, monochrom, oft religiöse oder Porträtmotive; später fand dieser Stil Eingang in Studios.  

New School Stil: Anfangs in den USA in den 1970er bis 1990er Jahren – lebhafte Farben, Comic-Kunst, Popkulturmotive, starke Outlines.  

• Auch Stile wie Trash-Polka (ein sehr visueller Mix von realistischen Bildern, Schrift, grafischen Elementen), etc., entstanden später (Ende 1990er, 2000er).  

Gesellschaftliche Akzeptanz

• In den letzten Jahrzehnten haben sich Tattoos stark in der Gesellschaft etabliert. Was früher als Zeichen des sozialen Abweichens galt, wird zunehmend akzeptiert. Tätowierungen sind nicht mehr ausschließlich Randgruppen vorbehalten, sondern in allen Schichten verbreitet.  

• Medien, Prominente, Mode und Popkultur haben dazu beigetragen, dass Tattoos “sichtbar, cool, modisch” wurden. Tätowierer werden zu Künstlern, Studio-Design und Stil wichtig, ästhetische Innovationen und Präsentation in der Öffentlichkeit.  

Gegenwart: Digitalisierung, Globale Einflüsse, Individualisierung

• Heute gibt es eine enorme Vielfalt an Stilen, Techniken und Inhalten: von minimalistischen Tattoos über große Rückenstücke, Realismus, Aquarell, geometrische Muster bis zu rein graphischen Ausdrucksformen.

• Materialien, Pigmente, hygienische Standards sind stark verbessert. Tattoo-Communitys verbreiten sich global, Inspiration reist über das Internet.

• Es gibt auch kritische Diskussionen: Zur Ethik von Kultur-Motiven (wenn jemand Motive traditioneller Kulturen trägt, ohne deren Kontext zu kennen), zur Sicherheit, zu Entfernung, Pflege, gesundheitlichen Risiken.

• In manchen Ländern gibt es noch Tabus, z. B. bei beruflichen Einschränkungen oder in konservativen Gesellschaften. Aber insgesamt ist der Trend eindeutig: Tattoos sind breit akzeptiert und oft Teil der Mode / persönlichen Identität.

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